Mein Ur-Ur-Ur-Großvater mütterlich-großmütterlicher Linie [Kekule-Nr. 94 in der Ahnenliste]
Geboren am 6. April 1840 in Bierfeld bei Nonnweiler – gestorben am 10. Mai 1899 in Wehrden a. d. Saar.
Im Schwarzwälder Hochwald, dem südwestlichen Ausläufer des Hunsrück, liegt – rund 35 Kilometer südöstlich von Trier – der kleine Ort Bierfeld bei Nonnweiler, damals zur Bürgermeisterei Otzenhausen gehörig. Aus diesem Ort stammt ein Teil meiner saarländischen Vorfahren.
Lange Zeit war die Hochwaldregion mit ihrem für die Landwirtschaft wenig ertragreichen Boden eine wirtschaftlich schwache Region, die Bevölkerung lebte in recht armen Verhältnissen. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts florierte jedoch die Eisenverhüttung, zu der neben dem Eisenerzvorkommen auch der Waldreichtum und die vorhandene Wasserkraft die optimalen Bedingungen boten. In Bierfeld hatte 1755 der Trierer Hüttenmeister Leopold Choisy einen Eisenhammer errichtet, aus dem sich in den folgenden Jahren die Bierfelder Hubertushütte als eines der frühen Hochwälder Hüttenwerke entwickelte. Um 1800 waren 82 Arbeiter auf der Hütte beschäftigt, die Gusseisen und schmiedbares Eisen für die Nagelschmieden der Region produzierten. Das Nagelschmiedehandwerk hatte im Hochwald eine lange Tradition – es bot den kinderreichen Familien neben der kargen Landwirtschaft eine lukrative Erwerbsmöglichkeit, zumal durch die Eisenverhüttung der Rohstoff hierfür reichlich vorhanden war.
Anfangs wurden von den Nagelschmieden hauptsächlich Schiffs-, Schloss-, Band- und Schiefernägel gefertigt, später dann auch verschiedene Arten von Schuhnägeln. Mit dem Aufkommen der maschinellen Fertigung von Nägeln aus Draht im Zuge der Industrialisierung verlor dieser Berufszweig im Laufe des 19. Jahrhunderts allerdings zunehmend an Bedeutung. Jedoch wurden in Bierfeld um 1895 unter den 720 Einwohnern immer noch 80 Nagelschmiede gezählt, »von denen sich 60 auf die Erwerbsthätigkeit am Amboß beschränkten, 12 aber noch Ackerbau haben und 2 hausieren gehen« (Berufsstatistik 1895).
Unsere Vorfahren der Familie Simon in Bierfeld waren ebenfalls im Nagelschmiedehandwerk tätig. Einer von ihnen, mein Ur-Ur-Ur-Großvater Peter Simon, erblickte am 6. April 1840 um zwei Uhr nachmittags als ältestes Kind von Jakob Simon (1807–1877) und Maria Schneider (1815–1897) in Bierfeld das Licht der Welt. Er hatte noch acht jüngere Geschwister – Jakob (1842–1921), Johann (1844–1908), Maria (1845–1846), Mathias (1847–1913), Margaretha (1849–1931), Maria (1851–?), Nikolaus (1852–1932) und Michel (1855–1857) –, von denen zwei schon als Kleinkinder starben. Der Vater Jakob Simon wird in den Geburtsurkunden der Kinder stets als »Ackerer« bezeichnet, aber auch er war schon im Nagelschmiedehandwerk tätig, das für ihn jedoch vermutlich nur ein häuslicher Nebenerwerb gewesen sein wird.
Peter Simon verdiente zunächst als Tagelöhner sein Geld, vermutlich vorrangig in der Landwirtschaft, möglicherweise aber auch im Umfeld der Bierfelder Hubertushütte. In seinem 25. Lebensjahr lernte er die Tochter des Schlossers Peter Gimmler kennen: meine Ur-Ur-Ur-Großmutter Magdalena Gimmler. Sie stammte aus dem rund 25 Kilometer entfernten Gehweiler im Wadrilltal, war aber durch verwandtschaftliche Beziehungen (ihre früh verstorbene Mutter Anna Maria Molter kam aus Bierfeld) an eine Anstellung als Magd in Nonnweiler gekommen. So werden sich Peter Simon und Magdalena Gimmler irgendwo im Umkreis der beiden benachbarten Orte Bierfeld und Nonnweiler, die heute nur durch die Autobahn A 1 getrennt werden, begegnet sein.
Das ›Kennenlernen‹ zwischen Peter Simon und Magdalena Gimmler muss allerdings etwas intensiver vonstattengegangen sein, denn Magdalena wurde schwanger und brachte schließlich am 6. September 1865 im Hause ihres Vaters in Gehweiler einen gesunden Jungen zur Welt, der (wie der Onkel, Magdalenas Bruder) den Namen Nicolas (später Nicolaus) Gimmler erhielt. Offenbar scheint der unverheiratete Vater Peter Simon in dieser Zeit eine Lehre zum Nagelschmied aufgenommen zu haben, um künftig für die finanzielle Versorgung seines Sohnes und der jungen Mutter aufkommen zu können. Als Peter Simon und Magdalena Gimmler schließlich am 28. Februar 1867 in der Pfarrkirche St. Hubertus in Nonnweiler heirateten, war die drei Lehrjahre umfassende Nagelschmiedlehre offenbar noch nicht ganz abgeschlossen, wie der Heiratsurkunde zu entnehmen ist. Aber jedenfalls wurde durch die Heirat nun der Sohn Nicolaus nachträglich als ehelich ›legitimiert‹; ab jetzt trug er auch den Familiennamen Simon.
Das erste ehelich erzeugte Kind von Peter und Magdalena Simon wurde am 16. Januar 1869 in Bierfeld geboren: meine Ur-Ur-Großmutter Anna Maria Simon. Inzwischen hatte Peter Simon nun offensichtlich auch seine Lehre abgeschlossen und arbeitete als Nagelschmied, betrieb aber weiterhin auch Landwirtschaft. In den kommenden Jahren folgte die Geburt sieben weiterer Kinder des Ehepaares: Helene (*25.03.1870), Maria (*15.02.1873), Peter (*25.06.1874), Katharina (*02.10.1875), Jakob (*08.04.1877), Margarethe (*23.07.1878) und Anna (*22.03.1881).
Nach der Stilllegung der Bierfelder Hubertushütte 1868 verschlechterte sich jedoch die wirtschaftliche Lage im Ort. Die ehemals auf der Hütte Beschäftigten mussten sich neue Arbeit suchen, viele wanderten nach Amerika aus. Die letzten Bewohner auf dem Gelände der Hubertushütte waren 1890 weggezogen. Und auch der Absatzmarkt für die Nagelschmiede war inzwischen – wie anfangs beschrieben – deutlich eingebrochen. Und so musste auch Peter Simon in den 1880er Jahren Ausschau nach einer neuen Arbeit halten, um den Lebensunterhalt für seine große Familie sichern zu können.
1881 hatten die Gebrüder Röchling das stillgelegte Puddel- und Walzwerk von Julius Buch in Völklingen gekauft und hier die Völklinger Hütte eröffnet, die sich innerhalb weniger Jahre zum größten Eisenträgerhersteller Deutschlands entwickelte. Hier fand Peter Simon als Hüttenschmied eine neue Arbeitsstelle, und so zog er Mitte der 1880er Jahre mit seiner Familie hierher. Die Simons fanden eine neue Heimat direkt auf der der Völklinger Hütte gegenüberliegenden Seite der Saar in dem (bis 1937 noch selbständigen) Ort Wehrden a. d. Saar. Als Hüttenschmied wird Peter Simon eine gute, aber sicherlich auch schweißtreibende und anstrengende Arbeit auf der Hütte gehabt haben. In den meisten uns zur Verfügung stehenden Dokumenten wird sein Beruf als »Hüttenarbeiter« angegeben, ab Mitte der 1890er Jahre teilweise aber auch »Wiegemeister«. Die Wiegemeister waren für die Kontrolle und Buchführung der Befüllung der Hüttenwagen zuständig, die die im Betrieb benötigten Materialien transportierten – vor allem die Unmengen an Koks, die zur Befeuerung der Hochöfen zur Stahlherstellung benötigt wurden. Die Tätigkeit als Wiegemeister wird sicherlich weniger anstrengend gewesen sein als die des Hüttenschmieds – möglicherweise ein Hinweis darauf, dass Peter Simon als inzwischen rund 55-Jähriger gesundheitlich bereits angeschlagen war und sich daher ein weniger kräfteraubendes Tätigkeitsfeld suchen musste. Allerdings wird damit auch ein innerbetrieblicher Aufstieg verbunden gewesen sein.
Die Familie Simon scheint an ihrem neuen Wohnort in Wehrden schnell Anschluss gefunden zu haben, jedenfalls erweiterte sich die Familie ab Ende der 1880er Jahre stetig – es fand eine Hochzeit nach der anderen statt: Meine Ur-Ur-Großmutter Anna Maria Simon war die erste, die am 2. März 1889 in der Pfarrkirche St. Eligius in Völklingen den Gruben- und Hüttenschreiner Anton Willnecker heiratete. Es folgten 1892 die Hochzeiten des ältesten Sohns Nicolaus Simon mit Maria Birtel (die beiden kannten sich offenbar schon aus Bierfeld) und der Tochter Helene Simon mit dem verwitweten Händler und Hüttenarbeiter Georg Herzhauser. 1896 heiratete Maria Simon den Weichensteller Johann Luxemburger, 1897 fand die Hochzeit von Peter Simon und Maria Hastenteufel statt, und 1898 war die Hochzeit von Katharina Simon mit dem Hüttenarbeiter Jakob Backes aus Gehweiler.
Vielleicht war es tatsächlich die kräftezehrende Arbeit auf er Hütte, die dazu führte, dass mein Ur-Ur-Ur-Großvater Peter Simon nur 59 Jahre alt wurde. Er starb in den frühen Morgenstunden des 10. Mai 1899 in Wehrden. Die Hochzeiten seiner drei jüngsten Kinder Margarethe 1901, Anna 1903 und Jakob 1904 erlebte er also nicht mehr; ebenso wenig den Tod seines Sohnes Jakob, der Ende Oktober 1914 als Soldat im Ersten Weltkrieg fiel.
Peter Simons Ehefrau, die Witwe Magdalena (geb. Gimmler), wohnte nach dessen Tod abwechselnd bei ihren Kindern: 1902/03 war sie bei ihrem Sohn Jakob gemeldet, der im lothringischen Amnéville (Stahlheim) wohnte und als Maschinist auf der dortigen Rombacher Hütter arbeitete. 1905/06 verzeichnet das Völklinger Adressbuch sie bei ihrer jüngsten Tochter Anna (verheiratet mit dem Friseur Peter Tamble) in der Wilhelmstraße 31 im Zentrum von Völklingen. Und schließlich kehrte sie wieder in ihre alte Heimat Gehweiler zurück, wo sie die letzten Lebensjahre bei ihrer Tochter Katharina (verh. Backes) verbrachte und am 7. Dezember 1918 – einen Tag nach ihrem 80. Geburtstag – im Kreise der Familie verstarb.
Die meisten der neun Kinder von Peter Simon und Magdalena Gimmler hatten, wie der Vater, einen Beruf im Hüttenwesen ergriffen bzw. waren mit Hüttenarbeitern verheiratet. Viele blieben im Saargebiet, der älteste Sohn Nicolaus ging später nach Ingelheim am Rhein; nur die beiden Kinder Anna Maria (meine Ur-Ur-Großmutter) und Peter wurden durch die große Anziehungskraft von Friedrich Krupps Hütten- und Stahlwerken deutlich weiter nördlich an den Niederrhein nach Rheinhausen-Hochemmerich geführt. Hier trafen sich später sogar die Verwandtschaftslinien wieder: Peter Simons Tochter Maria Elisabeth Simon heiratete ihren Cousin, Anna Maria Simons Sohn, Wilhelm Willnecker. Der Kontakt der Rheinhausener Familie ins Saargebiet nach Wehrden blieb lange bestehen und man besuchte noch oft die alte Heimat.
Jakob Simon (24.04.1807 – 13.10.1877) ⚭ Maria Schneider (20.05.1815 – 13.08.1897)
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Peter Simon (06.04.1840 – 10.05.1899) ⚭ Magdalena Gimmler (06.12.1838 – 07.12.1918)
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Anna Maria Simon (16.01.1869 – 31.10.1944) ⚭ Anton Willnecker (04.01.1862 – 11.03.1919)
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Helene Willnecker (05.11.1895 – 02.09.1965) ⚭ Emil Gehrmann (13.07.1895 – 19.10.1958)
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Herta Gehrmann (14.06.1921 – 18.04.2010) ⚭ Klemens Frieg (10.03.1913 – 30.01.1997)
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Paula Frieg (⚭ Isenberg)
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Dr. Gabriel Isenberg
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