Meine Ur-Großmutter mütterlicher Linie [Kekule-Nr. 21 in der Ahnenliste]
Geboren am 25. März 1883 in Altendorf – gestorben am 17. Juli 1921 in Essen-Rüttenscheid.
Ihr war nur ein kurzes Leben vergönnt: Meine Urgroßmutter Paula Frieg, geborene Recker, starb, als mein Opa gerade einmal achteinhalb Jahre alt war. Sie wurde nur 38 Jahre alt.
Paula Recker stammte aus einer kinderreichen Metzger- und Gastwirtfamilie in Altendorf bei Essen – einem Ort, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch den Bergbau und die Krupp-Eisen- und Stahlindustrie explosionsartig vom Dorf zur Großstadt anwuchs. Die Krupp-Gussstahlfabrik war es auch gewesen, die Paulas Großvater Joseph Recker (1806–1873) in den 1830er Jahren aus dem westfälischen Westernkotten nach Altendorf gelockt hatte – er stand bereits bei seiner Hochzeit 1836 »im Dienste bei Krupp«. Paulas Vater Bernhard Recker (1843–1914) arbeitete zunächst als Tagelöhner im Bergbau, machte dann aber eine Metzgerlehre und führte ab Mitte der 1870er Jahre eine Gastwirtschaft in unmittelbarer Nähe zur Zeche Vereinigte Helene & Amalie im nördlichen Sektor der Bürgermeisterei Altendorf – die Adresse lautete Altendorf III 407 (seit 1902 Amalienstraße 44 – das ist heute ungefähr die Stelle, wo die Helenenstraße vom Berthold-Beitz-Boulevard abzweigt). Die Gastwirtschaft hatte Bernhard Recker vermutlich von dem Bäckermeister und Wirt Heinrich Köhne übernommen; später wird Bernhard Recker als Eigentümer des Hauses Amalienstraße 44 mit Wohnung und Gaststube sowie des benachbarten Hauses Nr. 50 genannt.
Mit seiner Ehefrau, der Altendorfer Bergmanns-Tochter Katharina Schlathölter (1850–1898), die er 1868 geheiratet hatte, bekam Bernhard Recker zwischen 1869 und 1893 elf Kinder: Josef, Gertrud, Anna, Karl, Johann, Friedrich, Paula, Klara, Theodor, August und Alma, wobei August nur einen Tag nach der Geburt starb. (Laut familiärer Überlieferung gab es auch noch ein zwölftes Kind namens Wilhelm, das aber in den Kirchenbuchaufzeichnungen von Altendorf nicht zu finden ist. Beim Tod der Mutter 1898 lebte Wilhelm jedenfalls nicht mehr, da hier nur von zehn hinterlassenen Kindern die Rede ist.)
Meine Urgroßmutter Paula Recker war also das siebte Kind der Familie. Sie wurde am 25. März 1883 geboren und am 1. April 1883 in der Rektoratskirche St. Mariä Himmelfahrt in Altendorf auf den Namen Paula Elisabeth Recker getauft. Taufpaten waren Elisabeth Recker (vermutlich eine Tante) und Hermann Böminghaus (Ehemann von Wilhelmine Schlathölter, der jüngsten Schwester von Paulas Mutter Katharina).
Paula besuchte ab Ende der 1880er Jahre wahrscheinlich die katholische Schule der Zeche Amalie, die nur wenige Gehminuten von ihrem Zuhause entfernt war. Ab 1895 suchte Bernhard Recker in Annoncen in der Essener Volkszeitung mehrfach Dienstmädchen für die Hausarbeit »gegen hohen Lohn«. Zum einen können wir daraus schließen, dass es der Familie wirtschaftlich gut ging. Zum anderen könnte das ein Hinweis darauf sein, dass Bernhards Frau Katharina in dieser Zeit bereits gesundheitlich angeschlagen war und sich nicht mehr voll um den Haushalt kümmern konnte. Die älteren Töchter halfen zwar sicherlich im Haushalt mit, aber immerhin war die jüngste Tochter Alma, 1893 geboren, gerade erst zwei Jahre alt. Am 17. Mai verstarb schließlich Katharina Recker (geb. Schlathölter) im Alter von nur 48 Jahren – meine Urgroßmutter Paula verlor also ihre Mutter, als sie gerade erst 15 Jahre alt war und wahrscheinlich soeben die Volksschulzeit abgeschlossen hatte.
Doch ihr Vater blieb nicht lange allein: Am 4. Juli 1899 heiratete Bernhard Recker die Witwe Eleonore Alwine Henke (geb. Schorn) aus Kettwig; und als auch sie neun Jahre später verstarb, ging er am 5. August 1909 mit der Witwe Gertrud Köhnen (geb. Echtenbrück) seine dritte Ehe ein. Aus diesen beiden Ehen gingen keine weiteren Kinder hervor, jedoch hatten beide Stiefmütter aus ihren früheren Ehen bereits Kinder. So oder so war es also eine große Familie, in der Paula Recker aufwuchs.
Vermutlich kannte man sich unter den Essener Gastwirtsfamilien recht gut; auf diesem Wege wird die junge Paula Recker möglicherweise auch den gelernten Bäcker und Kellner Clemens Frieg kennengelernt haben, der bis Anfang 1910 als Theaterkellner am renommierten Operetten- und Varietéetheater Wolff’s Colosseum am Essener Kopstadtplatz gearbeitet hatte. Die Hochzeit von Paula Recker und Clemens Frieg fand am 7. Februar 1911 in der Essener St.-Gertrud-Kirche statt, wenige Wochen vor Paulas 28. Geburtstag. Im Kirchenbucheintrag werden die Trauzeugen Franz Porgschulte und Theodor Becke genannt; wahrscheinlich muss der erste Name richtig Franz Borgschulze lauten (dieser war vermutlich Sohn des Essener Gastwirts Wilhelm Borgschulze und Kellner-Kollege von Clemens Frieg), und der zweite war Paulas jüngster Bruder Theodor Recker, der in die Fußstapfen des Vaters trat und in diesen Jahren das Metzgerhandwerk erlernte.
Im Laufe des Jahres 1910 machte sich Clemens Frieg mit seiner Ehefrau Paula als Gastwirt in Karnap selbständig: Hier betrieb er zunächst als Pächter das Schier’sche Gasthaus an der Königstraße 154 (heute Karnaper Straße), das er schließlich im Juni 1911 im Rahmen einer Zwangsversteigerung als Eigentum erwarb. In diesem Haus fand nun also auch Paula Recker ihr neues Zuhause. Von Anfang an wohnte Paulas jüngste Schwester Alma mit im Haushalt von Clemens und Paula Frieg – sie war durch eine Kinderlähmungserkrankung gehbehindert und bei der Hochzeit ihrer Schwester gerade knapp 18 Jahre alt. In der neu eingerichteten Gastwirtschaft Frieg gab es sicherlich immer genug zu tun, so dass mehrere helfenden Hände für den Betrieb und den Haushalt willkommen waren.
Und außerdem wurde Paula Frieg bald nach der Hochzeit schwanger. Am 4. Dezember 1911 brachte sie ihr erstes Kind zur Welt: eine Tochter, die den gleichen Namen wie ihre Mutter – Paula – erhielt. Als zweites Kind folgte am 10. März 1913 mein Großvater Klemens Frieg.
Das Jahr 1914 war ein Jahr der traurigen Ereignisse: Am 18. September 1914 starb Paulas Stiefmutter Gertrud Frieg (geb. Echtenbrück) im Alter von 60 Jahren. Und nur drei Monate später, an Heiligabend, den 24. Dezember 1914, erlag ihr Vater Bernhard Recker im Alter von 71 Jahren den Folgen seiner Diabeteserkrankung. Und das alles in einem Jahr, in dem seit den Sommermonaten Krieg in Deutschland herrschte.
Es war abzusehen: Im Sommer 1915 musste Paulas Mann Clemens Frieg als Soldat in den Krieg ziehen. Doch auch ohne ›Chef‹ musste der Gastbetrieb in der Karnaper Königstraße 154 weitergeführt werden – mit zwei kleinen Kindern im Hause gar keine so einfache Sache. Aber neben ihrer Schwester Alma konnte Paula dabei offensichtlich auch auf die Hilfe ihrer Brüder zählen. Einer ihrer Brüder ist auf einem Foto zu sehen, das Paula ihrem Mann Clemens im Juni 1915 per Feldpost schickte (s. o.); leider wissen wir nicht, um welchen ihrer fünf Brüder es sich auf dem Foto handelt.
Die Zeit nach dem Krieg, als Clemens Frieg wieder zu seiner Familie nach Karnap zurückgekehrt war, dürfte eine glückliche Zeit gewesen sein. Aber sie währte nicht lange. Denn im Sommer 1921 erkrankte Paula Frieg von jetzt auf gleich an einer schweren Lungenentzündung, an der sie schließlich nach wenigen Tagen am 17. Juli 1921 in den Städtischen Krankenanstalten (heute Uniklinik) in Essen-Rüttenscheid verstarb. Ob die Erkrankung ein später Ausläufer der »Spanischen Grippe« war, die als Pandemie in den Jahren zuvor Millionen von Menschen dahingerafft hatte, vermögen wir heute nicht mehr zu sagen. Paula Frieg wurde nur 38 Jahre alt – ihr waren also noch zehn Jahre weniger vergönnt gewesen als ihrer ebenfalls früh verstorbenen Mutter Katharina.
Wie liebevoll sich Paula Frieg (geb. Recker) um ihre beiden Kinder Paula und Klemens gekümmert hatte, kann man erahnen, wenn man das Foto betrachtet, auf dem sich beide Kinder an ihre Mutter schmiegen. Diese Rolle musste nun nach ihrem frühen Tod ihre Schwester Alma übernehmen – »Tante Alma« war bis zuletzt Mutterersatz für die beiden Kinder. Sie überlebte ihre Schwester um 53 Jahre und wurde nach ihrem Tod am 28. September 1974 im Familiengrab Frieg in Essen-Karnap neben ihrer Schwester beigesetzt.
Bernhard Recker (25.10.1843 – 24.12.1914) ⚭ Katharina Schlathölter (07.04.1850 – 17.05.1898)
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Paula Recker (25.03.1883 – 17.07.1921) ⚭ Clemens Frieg (29.01.1881 – 08.06.1966)
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Klemens Frieg (10.03.1913 – 30.01.1997) ⚭ Herta Gehrmann (14.06.1921 – 18.04.2010)
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Paula Frieg (⚭ Isenberg)
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Dr. Gabriel Isenberg
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